Was sind schon 6 Sekunden?

Was sind schon 6 Sekunden?

…21, 22, 23, 24, 25, 26…

Das sind 6 Sekunden. War das viel, oder war das wenig? Was meint ihr?

Hier hat wohl jeder so seine eigene Empfindung.

6 Sekunden können über alles entscheiden.

6 Sekunden können die Welt verändern.

6 Sekunden können eine Ewigkeit sein.

6 Sekunden sind nichts und doch so viel.

Was kann in dieser Zeit alles passieren?

  • Ein Torwart darf laut Regelwerk den Ball nur maximal 6 Sekunden in den Händen halten.
  • Kolibris schlagen mit den Flügeln in nur einer Sekunde unglaubliche 40-50 mal.
  • Ein McLaren 650S braucht von 0-100 Km/h nur 3 Sekunden.
  • In 6 Sekunden werden Kriege entschieden, rote Knöpfe gedrückt, oder der Koffer dazu wieder geschlossen.
  • Wir atmen in 6 Sekunden wenigstens einmal ein und wieder aus.
  • Unser Herz schlägt in dieser Zeit.
  • “Ich liebe dich” sagen dauert nicht so lang.

Was sind 6 Sekunden für uns Läufer?

Im Fall von Gary Robbins bedeuten diese 1, 2, 3, 4, 5, 6 Sekunden das überschreiten der Cut-Off-Zeit und gleichzeitige DNF beim Barkley Marathon. In seinem Fall sind diese 6 Sekunden wahrscheinlich, für diesen Moment, die größte Hölle. Nicht der eigentliche Kurs im Vorfeld, der strapaziös ist und seinesgleichen sucht, sonders diese verdammten 6 Sekunden.

Das Regelwerk sagt es so, und deswegen drückt selbst der ewig rauchende und die Muschel blasende Lazarus Lake bei dieser mickrigen Zeitspanne kein Auge zu, wenn man bedenkt, dass die Läufer zum Finish, falls sie es erreichen, 50-60 Stunden unterwegs sind. 6 Sekunden drüber… zack… Das Ende der Barkley-Marathon-Finish-Welt.

Aber nicht nur dem kanadischen Ultraläufer kann dies passieren. Jedem von uns der gegen die Zeit läuft können 6 Sekunden zum Verhängnis werden. Tick, Tack, Tick, Tack. Die Zeit bleibt nicht einfach stehen. Unerbittlich rennt sie gegen uns. Der Zeiger läuft und läuft und läuft. Wie ein Metronom. Kein Entrinnen, keine Entkommen. Tick, Tack, Tick, Tack.

6 Sekunden drüber. Wo kommt diese Zeit her? Was hätte man anders machen können? Hätte, hätte Fahrradkette. Nichts hätte man anders machen können. Nichts. Woher sollen wir auch wissen, dass eben dieses oder jenes Ereignis dazu beiträgt, dass wir über dieser oder jener Zeit drüber sind. Es gibt Dinge im Laufe eines Rennens die sind nicht vorhersehbar, die können wir nicht beeinflussen. Da können wir noch so hart trainieren, noch so viele Kilometer schrubben. Was zählt ist die Zeit zwischen Start und Ziel. Nichts weiter. Darauf kommt es an. Spekulationen im Nachhinein sind müssig und eigentlich sinnlos. Trotzdem tun wir es, jedesmal. Wo lassen wir diese Zeit liegen? Der Klassiker > Anfangs im Gedränge hängengeblieben. 3 Kurven nicht auf Idealllinie genommen. 2 Läufer zu langsam überholt. Am VP drei Schritte zuviel getan. Kein Endspurt vorm Ziel. Was auch immer. Hat Gary Robbins spekuliert? Hätte er eine Seite eines Buches, welches die Läufer suchen müssen, nur schneller herausgerissen. Hätte er an der Wasserstelle nur flotter Wasser nachgefüllt. Möglicherweise hat er beim durchqueren des Tunnels unter dem Gefängnis “getrödelt”. Eventuell findet ihr ja hier die Antwort.

Wieso reite ich hier wie ein wild gewordener Cowboy der den Gaul beim Rodeo bezwingen muss auf diesen 6 Sekunden rum? Wieso nicht auf einer Sekunde, oder zwei. Das ist doch schließlich noch viel ärgerlicher. Ja, ist es. Nur sind es eben nicht 1, 2, 3 Sekunden die mir gefehlt haben, sondern 6. So geschehen am 12.05.2018 beim Leipziger Nachtlauf. 6 Sekunden auf die Sub 45:00 Minuten über 10 Kilometer. Was war passiert? Tja, das ist die große Unbekannte und reine Spekulation. Ich bin nicht im Gedränge hängengeblieben, denn die ersten beiden Kilometer waren meine schnellsten. Den VP habe ich nicht angesteuert. Möglicherweise hätte ich einmal schneller überholen sollen. Hätte Idealllinie laufen sollen, was fast unmöglich ist in dem Feld in dem wir uns bewegen. Denn immer einsam und allein der blauen Linie folgen können nur die, die vor sich nichts als leere Luft haben. Die, die die Platzierungen unter sich aufteilen. Unsereiner schaut meist auf verschwitzte Rücken und kämpft mit dem Ellenbogen.

Leipziger Nachtlauf schnelle Beine

Klar habe ich darüber nachgedacht. Die Beine fühlten jedenfalls sich gut an. Der 6. Kilometer schießt von der Zeit nach oben und ist fast 20 Sekunden langsamer als die übrigen. Was war passiert? Keine Ahnung.

Jetzt könnte ich mich grämen und sagen: “Wäre ich da mal schneller gewesen.” Hätte ich machen können, nur woher sollte ich wissen, dass ich eben in diesem Moment schneller laufen muss um 6 Sekunden aufzuholen. Dafür hätte ich in der Zeit reisen müssen um mir die Zielzeit anzuschauen. Hatte nur gerade keinen Delorean zur Hand. Es hilft also alles nachdenken nichts. Die Zeit bleibt da stehen. Da kann ich mich noch so ärgern, was ich im übrigen keine Sekunde, auch keine 6 Sekunden getan habe. Es ist unumkehrbar. Ich stampfe nicht mit den Füßen und schmeiße die Uhr gegen die Wand, denn ich hatte einen perfekten Wettkampf, von der ersten Sekunde an. Jeder Schritt war ein Genuss. Die Füße flogen über Asphalt und Pflaster. Die Stimmung war prächtig und ich hatte zu keiner Zeit ein schlechtes Gefühl. Ich bin Bestzeit gelaufen. Über zwei Minuten schneller als die Bestehende.

Es gibt für mich also keinen Grund die Mundwinkel nach unten zu ziehen, außer ich wäre auf dem Weg zum Weltrekord gewesen, denn das wäre dann aber mal wirklich ärgerlich gewesen, war ich aber nicht.

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2 Kommentare zu „Was sind schon 6 Sekunden?“

  1. Nun, wenn es „nur“ 6s wären…. dann wäre es immer noch keine sub 45… sondern glatte 45 🙂 *klugscheißermodusaus*

    Ich weiß, obwohl man weiß, dass man Bestzeit gelaufen ist, dass man nichts anders machen würde beim anderen Mal, es „grämt“ einen doch ein wenig 🙂
    So würde es mir zumindest gehen… so ganz im Innern… nach außen würd ich genauso argumentieren 🙂

    Gefällt 1 Person

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