Geschaffen aus Staub und Stein

Geschaffen aus Staub und Stein

Ich stand am Abgrund. Einer der Sorte bei denen man vor Entscheidungen steht, wo der Boden nicht sichtbar ist, wo es keinen Ausweg zu geben scheint.

Die Zehenspitzen zeigten schon über den Rand. Sie zappelten in der Luft, wie ein Käfer der auf dem Rücken liegt. Nur ein kleiner Schubs, oder gar ein Lufthauch hätte hier gereicht und ich wäre ins Bodenlose gefallen. Hinab in das große Schwarze, welches ich lange vor Augen hatte. Ich wäre nicht gesegelt, wäre nicht schwerelos dahingeglitten. Ich wäre gefallen wie ein Stein, wie ein Block aus Zement. Tonnenschwer. Der Aufprall hätte mich vielleicht nicht zerschmettert, aber er hätte große Teile von mir abgelöst. Sie wären davongestoben und lange unauffindbar gewesen.

Es wären nicht irgendwelche Teile gewesen. Es wären jene der Sorte abgefallen die zum Stand nötig sind, das Fundament. Die, die einen zum wanken bringen und schließlich zu Fall – aufstehen unmöglich, für längere Zeit.

Da hätte man dann nun gelegen. Kaputt, in Stücke zerborsten, zerteilt in abertausende Staubkörner, verstreut.

Gab es einen Lufthauch? Ja. Bin ich gefallen? Ja. Bin ich zerborsten? Ja.

Denkt man darüber nach, könnte dies das Ende gewesen sein. Ausgelöscht für alle Ewigkeiten. Der Zahn der Zeit hätte erst eine Staubschicht gebildet, hätte sich wie ein Schleier darübergelegt. Anfangs wären Umrisse sichtbar geblieben, kleine Reliefs die von anderen Zeiten gezeugt hätten. Aber ganz allmählich, behutsam und ohne große Hast wären aus der dünnen Schicht größere geworden. Nichts wäre geblieben. Vergleichbar mit den Vorfahren der Urzeit, oder Werkzeugen der Jäger und Sammler. Verborgen unter Massen von Erde, für Jahre unentdeckt.

Vielleicht, aber nur vielleicht, wäre irgendwann eine Experte für Ausgrabungen gekommen. Hätte mit englischer Kelle, Borstenpinsel und Pickhammer diese verschütteten Teile wieder ans Licht gebracht. Er hätte alles katalogisiert, ins Tagebuch eingetragen und im Labor zusammengesetzt. Möglicherweise ein Sensationsfund. Er hätte einen Läufer gebaut. Einen verletzten, einen gebrochenen, einen der sich aufgegeben hatte.

Wir spulen kurz zurück. Denn so weit ist es glücklicherweise nicht gekommen. Ich lag da, ja. Es war Staub zu sehen. Die Teile waren verstreut, aber auffindbar. Das Fundament war angeknackst, hatte Risse, aber zerstört war es nicht. Es konnte repariert werden. Behutsam setzte ich es zusammen. Wie ein Bildhauer, der aus etwas unförmigen und kaputten neues schafft.

Zwei Jahren haben diese Arbeiten gedauert. Es wurde gewerkelt, gemeißelt, geformt. Es blieb nicht immer alles standhaft. Es gab Rückschläge, kleinere. Sie hielten die Arbeiten auf, brachten sie zu kurzzeitigem Stillstand, konnten das Geschaffene aber nicht zum erneuten Fallen bringen. Zu stark war der Wille den Aufbau voranzubringen und ein neues, stärkeres Abbild zu schaffen.

Ein Teil fand ich allerdings nicht mehr. Wollte ich auch nicht. Ich bemühte mich nicht einmal, obwohl es der Stützpfeiler ist, eigentlich. Mittlerweile liegt es begraben unter Schichten von Erde. Ein neuer wurde geschaffen. Das Fundament wurde geändert und es steht kräftiger als je zuvor. Standhaft trotz es den Einflüssen.

Jetzt, nach diesen vielen Tagen der Arbeit blicke ich auf den geänderten Läufer, auf das andere Bild. Es schaut gut aus. Kein Picasso, Monet oder van Gogh. Keine Kopie, sondern ein Original. Erschaffen mit viel Schweiß und Kampf.

Die Zeit ist reif das Kunstwerk der Welt zu zeigen. Es auf Ausstellungen zu präsentieren und sich die Lorbeeren abzuholen, zu ernten was gesät wurde.

In erster Linie geht es darum es mir selbst zu beweisen, ob ich gut Arbeit geleistet habe. Es sieht danach aus.

Es ist durchaus denkbar, das sich jetzt einige an den Kopf greifen und denken: “Was schreibt der denn da zusammen? Schnelle Beine? Eher schnell Gaga.”

Ich habe nun endlich das Gefühl… Nein, falsch… nicht das Gefühl, sondern ich weiß es. Ich bin über den Berg.

Vor fast 730 Tagen faste ich den Entschluss den genannten Stützpfeiler durch einen neuen zu ersetzen. Einschlägige Leser und Stalker auf den gängigen Medien wissen sicher bereits was ich meine, alle anderen: “Huhu, schön das ihr da seid.” Die traditionellen Laufschuhe wurden entsorgt und durch minimalistisches Schuhwerk ersetzt.

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Grob überschlagen bin ich nun knapp 2000 Kilometer so unterwegs. Das mag sich viel anhören, überlegt man aber, dass davon schon allein 700 auf dieses Jahr und 1000 auf 2017 fallen, könnt ihr meine Euphorie und Freude über das Erreichte nachvollziehen. 2018 läuft es und der Knoten ist geplatzt. Mittlerweile sind auch wieder Umfänge von ca. 80 Wochenkilometern drin. Lange Läufe bis über 30 Kilometer stehen im Plan. Neue Bestzeiten, wie jetzt am Wochenende über 10k (45:06) werden geballert (die alte lag bei um die 47:00). 3 Ausstellungen aka Wettkämpfe sind dieses Jahr bestritten und erfolgreich gewesen. Auch mehrere Tage Laufen hintereinander werden ohne Probleme weggesteckt.

Ich bin erfolgreich zurück auf den Strecken dieser Welt und möchte nun schauen, was ich alles noch erreichen kann. Ich habe mir eine neues Läuferleben geschenkt, habe an mich geglaubt, den Staub abgeklopft und bin empor gestiegen. Das mag eventuell alles überheblich klingen oder egoistisch, aber in diesem Fall konnte nur ich mir helfen und am Fundament arbeiten. Es wird halten, ich weiß es.

Wir laufen uns über den Weg. Ganz sicher.

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2 Kommentare zu „Geschaffen aus Staub und Stein“

  1. Sehr schön geschrieben, Ähnliches habe ich auch im “ Kleinen “ erlebt, aber das macht stark, so man es am eigenen Leib erfahren hat. Ende gut – alles gut – freut mich für dich ! 😎

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