Seid dankbar

Seid dankbar

Ich lese viel. Täglich. Zur Zeit jeden Morgen im Zug auf der Hin- und Rückfahrt in die Stadt. Bücher begleiten mich schon ein Leben lang. Wie viele ich gelesen habe, kann ich nicht sagen, ich führe keine Aufzeichnungen darüber. Aus fast jedem nehme ich etwas für mich mit. Sei es ein Roman über fiktive Personen, eine Biografie, ein Ratgeber zum Thema Laufen. Die Liste könnte ich noch ewig weiterführen. Bücher regen mich zum nachdenken an, lassen mich mein eigenes Handeln überdenken und prägen mich.

Gestern ist mir allerdings ein Buch in die Hände gefallen, von dem ich gehofft habe es nie halten zu müssen. Das ist nun möglicherweise etwas krass ausgedrückt, denn es lohnt sich in jedem Buch mindestens zu blättern – ja, auch in diesem. Jetzt kann ich sagen: Ich bin froh, dass ich dieses Buch nie ausfüllen musste. Es begleitet den Tod bzw. die Trauerphase danach. Es geht hier nicht um “irgendein Leben”. Es geht um das neue Leben, dem es nicht gewehrt war dieses zu erfahren, in allen wundervollen Facetten. Dieses Erinnerungsbuch* dreht sich um “Sternenkinder”.

schnelle beine sternenkinder

Was ist ein „Sternenkind“?

Als „Sternenkinder“ werden im engeren und ursprünglichen Sinn Kinder bezeichnet, die mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm vor, während oder nach der Geburt versterben. Im weiteren Sinne wird „Sternenkind“ von betroffenen Eltern auch für solche Kinder verwendet, die mit mehr als 500 Gramm Geburtsgewicht sterben.

Der poetischen Wortschöpfung liegt die Idee zugrunde, Kinder zu benennen, die „den Himmel“ (poetisch: die Sterne) „erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften“.**

Dieses Buch, in welchem ich gestern blättern durfte, ist Sponsor der Initiative “Dein Sternenkind”. Ein Zusammenschluss ehrenamtlicher Fotografen. Weitere Info findet ihr hier: Link zur Seite.

Ich kannte diese Vereinigung schon im Vorfeld. Meine Mutter, Erzieherin in einem Kiga, erzählte mir vor einiger Zeit davon. Aber wie das nun einmal so ist, beschäftigt man sich ungern mit solchen Themen und kehrt so schnell wie möglich zum Alltag zurück, ohne weiter darüber nachzudenken.

Gestern, beim Blättern der Seiten, spürte ich Gefühle in mir die tief im Verborgenen schlummerten und die man zu oft verdrängt. Ich spürte eine unglaubliche, ungeahnte Traurigkeit und tiefes Mitgefühl gegenüber den Menschen, denen solch ein Schicksal widerfahren ist. Auch, wenn man nicht im Ansatz erahnen kann, was ist, wenn man so etwas erlebt. Gleichzeitig war da diese Dankbarkeit, die man zu selten, beinahe nie, zu schätzen weiß. Ich muss ehrlich gestehen, wäre ich nicht in der Öffentlichkeit gewesen, ich hätte Rotz und Wasser geheult. Ich nahm mir Zeit jede Seite zu betrachten und dachte an meine Kinder, an meine Frau und wie wertvoll das alles ist und wie selbstverständlich wir das nehmen, aber das ist es nicht. Gestern wurde mir das mehr als bewusst.

Ich hing lange in meinen Gedanken und reflektierte mein Tun und Handeln gegenüber dem vermeintlich Alltäglichen. Ich überlegte: “Bin ich dankbar?” und muss dies mit einem klaren: “Nein!” oder “Viel zu selten.” beantworten.

Haben wir keine Zeit mehr für Dankbarkeit? Wann ist uns diese abhanden gekommen? Uns scheint in unserem durchgetakteten Tag keine Zeit dafür zu bleiben. Lieber verschwenden wir unsere Spucke dafür uns über eigentliche Banalitäten aufzuregen.

Ich merke das an mir selbst und lasse mich noch viel zu oft beeinflussen von Dingen die total egal sind, die im Prinzip irgendwie dazugehören und das Leben lebenswert und glücklich machen. Da wird mit dem Kind gemeckert: “Sitz still am Tisch.” “Räume endlich dein Zimmer auf.” “Renn nicht so.” “Mach nicht so laut.” Banalitäten. Klar, gehört Erziehung dazu. Aber, meine Güte, es ist ein Kind. Dies alles ist nichts im Vergleich. Wie langweilig wäre es, würde es nicht toben, schreien, springen. Ich sollte Dankbar sein, dass ich das erleben darf, dass das Zimmer aussieht wie im Schweinestall, das mein Kind laut ist und Blödsinn treibt. Was tue ich stattdessen, ich lasse mich davon beeinflussen und bin zu oft genervt.

Ich habe, nachdem ich das Buch beiseite gelegt hatte, mit einer der beiden Herausgeberin telefoniert. Wir sprachen über das Buch und sie konnte meine Gedanken mehr als nachvollziehen. Sie erzählte mir, dass es ihnen schwer fiel es zu entwerfen, es immer wieder beiseite legen mussten und über ein halbes Jahr daran gearbeitet haben.

Als ich gestern heim kam schliefen beide Kinder schon. Ich setzte mich an ihre Betten, lauschte nur dem Atmen und bedankte mich. Ich bedankte mich, dass ich das erlebe, dass ich ihre Wärme spüren und ihr Lachen hören darf. Auch führte ich ein Gespräch mit meiner Frau über die Gedanken und Gefühle.

Ich versuche an mir zu arbeiten. Zukünftig Achtsamer zu sein und öfter einmal alles sein zu lassen wie es ist. Ich freue mich darauf über Spielzeug zu stolpern und bald taub zu sein. Danke dafür.

*Link zur Seite des Buches (kein Werbelink)
**Quelle: Wikipedia
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5 Kommentare zu „Seid dankbar“

  1. Hallo Eric,
    danke für den Artikel.
    Alle Themen treffen mich immer wieder in meinem Leben, sowohl privat als auch beruflich.
    Zum einen haben ich selber zwei Kinder, für die ich dankbar und mehr als nur manchmal auch sehr genervt bin! Und das ist auch okay so. Zum einen sollte man sich natürlich immer wieder ins Bewusstsein rufen, was für ein Glück man hat, Kinder gesund aufwachsen zu sehen und ihnen die Liebe zukommen zu lassen, die sie brauchen. Aber zum anderen muss man als Eltern aber auch gehörig genervt sein, damit man seinen Kindern so etwas wie Erziehung (die sie ja auch dringend benötigen) angedeihen lassen kann.
    Und Dankbarkeit ist ja immer mal wieder Thema bei mir auf Twitter.
    Das Thema Sternenkinder berührt mich dann wieder in meiner Arbeit. Ich bin als Pflegedienstleitung in einem Krankenhaus mit über 1000 Geburten tätig (der Kreißsaal untersteht mir). Und da haben wir natürlich auch immer wieder Sternenkinder dabei. Zweimal im Jahr werden die mit unserer Pfarrerin in einem ökomenischen Gottesdienst beigesetzt, an der ich zusammen mit unserer leitenden Hebamme teilnehme, der mich auch als unreligiöser Mensch immer sehr berührt. Die Seite zu dem Buch werde ich mir auf jeden Fall mal näher anschauen. Vielleicht ist das ja etwas für unser Krankenhaus.
    Danke für deinen Text,
    Philipp

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    1. Hallo Philipp,
      danke für deine Eindrücke und deinen Kommentar.
      Solche Augenblicke sind sicher sehr bewegend und man muss wahrscheinlich aufpassen, dass man das nicht zu nah an sich heran lässt. Nichts kann schlimmer auf der Welt sein als wenn man sein eigenes Kind zu Grabe tragen muss. Hochachtung davor, dass du daran teilnimmst und sicher auch viele tröstende Worte spendest.
      Viele Grüße Eric

      P.S. Ich habe mal den Link zum Buch mit eingefügt.

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  2. Danke für diese besondere Erinnerung an’s „dankbar sein“!
    Ich habe 3 inzwischen schon erwachsene Kinder und da ich viele Jahre in einer Frauenklinik gearbeitet habe, weiß ich nur allzu gut, dass es keineswegs selbstverständlich ist, 3 problemlose Schwangerschaften und Geburten erleben zu dürfen.
    Trotzdem „vergisst“ man das im Alltag manchmal.

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  3. Vielen Dank für den Tipp. Ich habe 3 Kinder. Und zur Zeit lese ich Dr. Pim van Lommel ( Kardiologe): Endloses Bewusstsein.
    Das passt. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein friedliches und gesundes Weihnachtsfest.
    Viele Grüße Beatrix Vrieze

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