Laufen in Binz/ Rügen oder wie geil 10 Kilometer sein können

Laufen in Binz/ Rügen oder wie geil 10 Kilometer sein können

Eigentlich war dieser Lauf von langer Hand geplant. Ich bin ihn im Vorfeld hunderte mal gelaufen – gedanklich. Jeden Meter der Strecke hätte ich gekannt. Ich wusste wann ich wo sein würde, wusste wann ich Zeit habe um Fotos zu machen, wusste wann ich welchen Kilometer gelaufen wäre. Ich wollte diesen Lauf mit euch teilen, wollte euch daran teilhaben lassen, dass ich das Comeback geschafft habe, wollte mir Zeit lassen, wollte alles dokumentieren, hier aufarbeiten und mich daran erfreuen, dass es endlich wieder rund läuft. Dann kam es anders – Nein – es kam, nur an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit.

Geplant war dieser Lauf im Frühsommer. Er sollte auf meiner Haus-, und Hofstrecke geschehen. Eine Runde um den Kulkwitzer See im wundervollen Sonnenschein, hindurch durch den angrenzenden Wald, von dem ich nicht mal den Namen kenne, Schatten wird von den satten, mit fantastischem grün behangengenen Bäumen gespendet. 10 Kilometer sollten es werden. Diese zweistellige Zahl sollte die Bergspitze sein, dass Gipfelkreuz, sie sollte den Umbruch einleiten. So kam es aber nicht. Der Körper machte mir zum wiederholten mal einen Strich durch die Rechnung. Der Körper der mich schon seit Januar im Stich ließ. Kein Lauf im Sommer um den See, kein Lauf durch den Wald, keine Fotos eines lächelnden Läufers am Wasser. Mal wieder Verletzungsmimi über das hier schon so viel – viel zu viel – geschrieben wurde.

seebrucke_binz_morgens_schnelle_beine

seebruck_binz_mittig_schnelle_beine

Es musste aber irgendwann so kommen. Es musste einfach. Ich wollte es, ich wollte es so sehr. Auch die ganzen lieben Menschen in den sozialen Medien haben einen großen Anteil daran. Immer wieder aufbauende Worte, viel Laufcontent, der mir zeigte, dass ich nicht aufgeben sollte. Das es allerdings geschah ohne Sonnenschein, ohne Licht, ohne grüne Bäume ist im nachhinein zweitrangig. Es ist in zweierlei Hinsicht ein Tag zur Freude gewesen – ach, was erzähle ich, es war ein Tag zum jubeln und zum schrei’n.

seebrucke_binz_schnelle_beine

Es ging an diesem Morgen auch ein kleiner Traum in Erfüllung. Schon seit ich mit dem Laufen begann und das erste mal in Binz war wollte ich über die menschenleere Seebrücke laufen, die vor mir liegende Strandpromenade erobern noch bevor das Leben erwacht. Ich kann euch nicht mal erklären warum. Ein wenig bin ich in dieses Örtchen verliebt. Wenn sich die Möglichkeit bietet fahren wir (beste Sportlerehefrau, Sohnemann) im Frühjahr und im Herbst zu Besuch. Im April diesen Jahres musste ich noch ohne Schuhe anreisen, aber im Oktober waren die Laufsachen das Erste was ich in den Koffer schmiss. Ich war aufgeregt endlich da laufen zu dürfen.

binz_promenade_kurhaus_schnelle_beine

binz_promenade_erwacht_schnelle_beine

Geplant war dieser Lauf zwar, aber nicht diese Strecke. Es kam einfach, es lief einfach, die Zeit war endlich reif. Es war kurz nach halb sieben morgens. Es war kalt, es war dunkel, es war windig, es war einsam, es war perfekt. Binz lag verlassen vor mir, die Seebrücke stieß menschenleer in die Ostsee. Ich lief die Strandpromenade einmal auf und einmal wieder ab. Die Seebrücke vor und wieder zurück.

seebrucke_skyline_schnelle_beine

laufen_seebrucke_binz_schnelle_beine

Es standen 8 Kilometer auf der Uhr. Ein kurze Bestandsaufnahme der geschundenen Knochen sagten mir: “Da geht noch was.” Da war nichts, was mich daran hindern sollte weiter zu laufen.

Es standen 9 Kilometer auf der Uhr. Es gab kein zurück. Die 10 Kilometer mussten fallen. Der Körper spielte mit. Wenn es ein Runners High geben sollte, dann war es in diesen Momenten soweit. Innerlich schrie ich, alles kribbelte, ich wusste gar nicht wohin mit der Freude. Ich wollte am liebsten platzen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl zurück auf der Piste zu sein. Endlich wieder zweistellig laufen zu können.

Am Ende waren es 10,13 Kilometer.

Noch den ganzen Tag schwebte ich auf Wolken. Der Flow lag wie eine Aura um mich. Nichts hätte mir an diesem Tag die gute Laune rauben können. Ich habe mich gefühlt als wäre ich meinen ersten Marathon gelaufen, als hätte ich die Welt zu Fuß umrundet. Aufgeben stand eigentlich nie zur Debatte, auch wenn ich oft darüber nachdachte. Ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, dass sich 10 Kilometer einmal so gut anfühlen würden.

garmin_schnelle_beine

Ein paar Tage später bin ich nochmal 10 gelaufen, weil laufen einfach geil ist.

Der ein oder andere Leser wird sich vielleicht fragen: “Warum macht der Kerl hier so einen Aufriss? Sind doch “nur” 10.” In Anbetracht der Tatsachen, dass dieses Jahr mindestens zwei Marathons und ein paar kleinere Wettkämpfe geplant waren und ich eigentlich mit Rodgau im Januar 2017 geliebäugelt hatte, sind diese paar Kilometer in diesem Jahr für mich persönlich der größte Erfolg. Laufstilumstellung und sicher auch das beiseite stellen der Schuhe, haben hier maßgeblich dazu beigetragen.

Ich darf weiter laufen. Ich werde weiter laufen. Das Laufen hat mich wieder. Danke.

Viele liebe Grüße, eure schnellen Beine. 🙂

P.S. Auf meinem Weg durch Binz bin ich am Ende der Strandpromenade zum Übergang auf den Naturstrand noch an einer Treppe vorbei gekommen, die ich zwei Tage später auch noch erklimmen musste. Ich bin sie, nach einer kleineren Runde zum warmlaufen, insgesamt 5x hoch und wieder runter. Da ich so gut wie nie Treppen in meinen Läufen habe, kam ich hier ordentlich ins keuchen. Das Video zeigt den fünften Durchgang. Ich habe versucht Haltung zu wahren und möglichst gut auszusehen dabei. Ich würde sagen – Versuch fehlgeschlagen. 😉

treppe_schnelle_beine

treppe_binz_schnelle_beine

steine_strand_binz_schnelle_beine

Advertisements

8 Gedanken zu “Laufen in Binz/ Rügen oder wie geil 10 Kilometer sein können

  1. Ich war vorletzten November in Binz. Viele Bilder die du da geschossen hast, kommen mir seeehr bekannt vor 😉 Gebloggt habe ich darüber auch, weil ich es so schön fand. Ich weiß auch wie gut sich 10 lockere Kilometer anfühlen können, wenn man mal richtig gebeutelt war..in diesem Sinne: willkommen zurück!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s