From zero to …?

„Selbstvertrauen gewinnt man dadurch, daß man genau das tut, wovor man Angst hat, und auf diese Weise eine Reihe von erfolgreichen Erfahrungen sammelt.“ (Dale Carnegie)

Lasst euch den vielen “Ich ,ich, ich” im Bericht nicht abschrecken. Ich möchte euch einen kleinen Einblick in meinen Reifeprozess der letzten Zeit geben.

Noch vor paar Jahren, ich kann mich nicht genau zurückerinnern, es können so um die 15 gewesen sein, war ich ein dürrer Hecht, ein Spargeltarzan, ein Spaghettisultan. Ich war schüchtern, introvertiert, zurückhaltend und der Kontakt zu anderen Menschen fiel mir schwer bzw. fiel es mir schwer den Kontakt zu anderen zu suchen.

Ich wog auf meine, auch jetzt noch bestehende Größe, von 1,88m, ca. 72kg. Zum laufen wäre dies perfekt, aber zum damaligen Zeitpunkt hatte ich mit Laufen/ Sport so wenig am Hut wie die Queen mit Lächeln. Ich war ein unscheinbarer Typ, der sich hinter anderen versteckte und jedem Konflikt oder Diskussion aus dem Weg ging. Ich lebte mein Leben, war nicht unglücklich, hatte einen kleinen aber feinen Freundeskreis, in dem ich mich wohl fühlte – meine Komfortzone. Aber alles was darüber hinaus ging bereitete mir Unbehagen.

Der aufgezwungene Kontakt zu anderen kam erst mit dem Eintritt in die Bundeswehr. Ob ich wollte oder nicht, ich musste mich mit anderen Menschen einlassen. Immer noch skeptisch uns misstrauisch gelang dies aber ganz gut. Zu diesem Zeitpunkt rückte der Sport ein wenig in den Mittelpunkt, aber auch 10 Monate Grundwehrdienst gehen irgendwann zu Ende und ich kehrte in meine Komfortzone zurück. Der entscheidende Wendepunkt kam mit einem Anruf – ich nahm einen Job in den alten Bundesländern an. Genauer gesagt zog es mich nach Bad Waldsee, einem kleinen Ort gelegen zwischen Ulm und Ravensburg. Das klingt jetzt vielleicht etwas dramatisch, aber wer weiß wo ich heute stehen würde, hätte ich am Telefon nicht “Ja” gesagt.

Ich wurde warmherzig und ohne Vorurteile aufgenommen. Fand, mehr oder weniger, schnell Anschluss – allerdings nicht an meine Altersklasse. Jedoch trat von nun an der Sport wieder in mein Leben. Ich wurde zum Tennis spielen animiert und direkt in einen Verein gesteckt. Nie zuvor hatte ich einen Tennisschläger in der Hand, ganz zu schweigen von diesem runden Filzball. Diese Sportart war komplettes Neuland für mich. Ich übte Aufschläge, Stoppbälle, welcher Fuß wann wo zu sein hat, wie man dieses besaitet Ding überhaupt hält. Wann immer es meine Zeit erlaubte, ich einen Gegenspieler oder wenigstens eine Ballmaschine fand, stand ich auf dem Platz. Zu Beginn flogen mir die Bälle nur so um die Ohren. Es stellten sich aber im Laufe der Zeit kleinere Erfolge ein und ich durfte auch mal einen Punkt, einen Satz oder ein Spiel gewinnen. Leider war ich damals noch zu jung (es galt Ü30) um in diesem Verein in der Mannschaft oder bei Turnieren zu spielen. Das tat meine Ehrgeiz aber keinen Abbruch. Es gab genug Vereinsmitglieder die es über den Platz zu scheuchen galt. Und mit diesen “Erfolgen” wuchs mein Selbstvertrauen. Das Miteinander machte mir Spaß. Ich brauchte keine Scheu zu haben. Ich legte sie nach und nach ab – aber nach ca. 5 Jahren im Ländle kehrte ich meiner Zwischenstation  den Rücken. Mit zarten 27 Jahren zog es mich wieder Richtung Heimat.

Der Schläger wurde an den Nagel gehängt und eine neue Sportart auserkoren. Fast nahtlos wechselt ich vom Tennis in den Kraftsport. Die Hantel wurde mein neues Trainingsgerät. Bücher wurden gewälzt, Videos verinnerlicht, Erfahrungen gesammelt. “Wie forme ich den perfekten Körper und bleibe gesund dabei?” Ich behaupte jetzt einfach mal frech, keine Sportart ist, auf legalem Wege, so langwierig wie der Kraftsport. Und keine Sportart verlangt so viel Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. Man kann dies sicherlich bis zum Exzess betreiben, jedes Gramm Nahrung wiegen und die perfekte Mischung aus Makronähstoffen finden – auch ich habe das getan – aber auf Hobbyebene und ohne Ambitionen auf Wettkämpfe kann man diese ganze Sache lockerer angehen… aber ich schweife vom Thema ab.

Ich befand mich also in guter Gesellschaft im Studio. Im Laufe der Monate wuchs mein Körper auf Proportionen an die ich vorher nicht kannte. Ich besaß tatsächlich Muskeln. Durch den Tennissport schon ein wenig zugelegt, bewegte sich mein Gewicht stetig in Richtung des dreistelligen Bereiches. Den habe ich allerdings nie erreicht – nur kurz daran geknabbert. Der Kraftsport gab mir etwas, dass sich nur schwer beschreiben lässt. Er gab mir die Bestätigung das man mehr sein kann als ein 72kg schwerer Angsthase. Das man trotzdem Teil des großen Ganzen ist, auch wenn man keine 200kg auf der Bank drückt. Ich kam mit Menschen ins Gespräch die deutlich über meiner Gewichtsklasse lagen und trotzdem anständige Worte mit mir wechselten. Ich musste also keine “Angst” vor anderen Leuten haben.

Die Jahre gingen ins Land. Zum Kraftsport gesellte sich so langsam wieder der Laufsport. Vor knapp 2 Jahren, auf dem Höhepunkt der Gewichtsklasse, die Waage zeigte mittlerweile 96 kg begann ein erneuter Wandel. Das Laufen rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt. Ich versuchte mit diesem Gewicht langsam wieder den Einsteig. Da Anfangs immer noch der Gang ins Fitnessstudio im Vordergrund stand, änderte ich auch nicht viel. Bis vor ca. einem Jahr, ich wollte das Laufen an Punkt 1 stellen, begann ich das Gewicht zu reduzieren und trotzdem so viel wie möglich Masse zu erhalten. Das das nur bedingt funktionieren kann, war mir von Beginn an klar. Die ersten Laufwettkämpfe wurden geplant, der Sport wurde komplett auf’s Laufen ausgerichtet, inklusive dem regelmäßigen Gang ins Studio…

…und auch von der Laufgemeinschaft wurde ich ohne Blick auf Zeiten, Strecke oder Trainingsstand aufgenommen. Ich laufe immer noch und auch dem Kraftport bin ich nach wie vor treu. Die Planung für 2016 befindet sich in der Endphase,  ich freue mich auf viele Stunden in der großen Welt des Laufens und auf den Kontakt mit anderen Menschen. 

Zum Schreiben dieses Berichtes bringe ich 84 kg auf die Waage (2 kg mehr als zum Berlin Marathon). Ich betrachte die Welt mit anderen Augen, gehe offener auf Menschen zu und scheue mich nicht auch mal meine Meinung zu sagen. Ob ich jetzt allein durch den Sport zu einem selbstbewussten Menschen geworden bin, oder ob da nicht auch das Alter ein wichtige Rolle gespielt hat, dass Stelle ich in Frage, aber er hat mich bei diesem Prozess unterstützt und wird ein wichtiger Teil in meinem Leben bleiben.

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3 Kommentare zu „From zero to …?“

  1. Eine sehr schöne und berührende Lebensgeschichte die wieder mal zeigt, dass man offen sein muss für Neues und an sich selbst glauben sollte. Jede Veränderung beginnt mit einem kleinen Schritt, man muss ihn nur gehen und dann kommt der Tag, da hat man sein Ziel erreicht.

    Ich bewundere deine Begeisterung zum Sport, die dich hat wachsen und reifen lassen und wünsche dir noch viele schöne Erlebnisse mit dem Laufen.
    Ich denke, wenn jeder Mensch daran glauben würde das nichts unmöglich ist, dann würden viel mehr Menschen so über sich hinauswachsen wie Du! 🙂

    Bewundernde Grüße – Claudia

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